Naturessenzen


Im Sommer 2015 war ich zwei Wochen auf Rückzug im wunderbaren Schlossensemble Eschelberg.  In der Vorbereitung darauf “musste” ich plötzlich dringend eine Blütenpresse besorgen. Das Ding ist schwer, es musste aber in den Koffer, auch wenn ich keine Ahnung hatte, was genau ich damit anstellen möchte. Nun, einige Monate später, weiß ich es. Diese Naturwunderbilder wollten entstehen. Das Gestalten der Bilder macht mir sehr viel Freude. Ich betrachte jedes einzelne Blatt so lange, bis ich die Essenz erfasst habe und den zur Seele des Blattes passenden Ausschnitt wählen kann. Und immer und immer wieder bin ich erstaunt über die Vielfalt an Linien, Zacken, Bögen, Punkten, Farben, die ein Blatt haben kann.

Mutfaktor:  Hoch. Es fordert Mut, ein Blatt zu einem Kunstwerk zu erklären. Erstens ist es für sich schon ein Kunstwerk wie jede lebendige Schöpfung. Und zweitens könnte man sich fragen, was mein Beitrag dabei ist. Ich sehe es so, dass ich tief in die Essenz des Blattes eintauche, um den Ausschnitt finden zu können, der berührt.

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Begegnung mit Schatten


Fotoserie „Begegnung mit Schatten“, entstanden im August 2015 in einem Schloss in Oberösterreich. Ich war erstaunt zu sehen, dass meine Silhouette der von vor 30 Jahren gleicht, als ich auch einmal eine Schattenserie gemacht hatte. Woran erkennt man Alter? Diese Frage hat mich beschäftigt. Ebenso wie mich fasziniert hat, meinen Schatten mit den jahrhundertealten Böden des Schlossareals und seinen Lebensspuren zu mischen.

Mutfaktor: sehr hoch. Ich war zwei Wochen allein in einem riesigen, großteils unrenovierten Schloss. Nur ich und die Schlossgeister. Genug Zeit und Raum, um seinen Schatten zu begegnen.

Heimat bist du großer Töchter


Beteiligung an der Guerilla Knitting Aktion „KnitHerStory“ anlässlich 100 Jahre Frauentag am Wiener Ring.

Entlang vom Ring wurden 100 Bäume und Laternen eingestrickt. Das war mein Beitrag „versteckte Töchter“, in dem ich historische Frauenpersönlichkeiten unter einer gehäkelten Rose versteckt hatte. Wer wollte, konnte sie entdecken. Kurz darauf wurde der Text der Frauenhymne geändert, die Töchter wurden aufgenommen. Sicher mein Verdienst 🙂

Anschließend hatte mein Werk die Ehre, in die Ausstellung „Do it Yourself“ im Museum für Kommunikation in Frankfurt und Berlin aufgenommen zu werden.

Mutfaktor: mäßig. Sich als moderne Frau zum Stricken und Sticken zu bekennen, braucht immer noch etwas Mut. Aber im Grunde ist mir die Meinung der Umgebung recht egal. Mir macht Handarbeiten Spaß und es ist eine kreative Ausdrucksmöglichkeit.

Zug um Zug


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Zug um Zug war ein Fotoprojekt, das ich 2000 auf der Zugstrecke Wien – St.Pölten gemacht habe. Jeden Tag habe ich wochentags diesen Zug benutzt und aus dem fahrenden Zug fotografiert. Das Spannende dabei: was die Kamera einfängt, kann nur angesteuert, bestmöglich vorausgeahnt werden. Was genau heraus kommt, macht das Leben. Durch die Geschwindigkeit muss man einen kleinen Rest abgeben, den man nicht mehr kontrollieren kann. So ist das Leben: manches kann man gestalten, aber für manches braucht es Hingabe, da nützt nur Loslassen und Vertrauen.

Mutfaktor: mittel. Die Mitreisenden haben sich regelmäßig gewundert, was ich da fotografieren möchte, denn sie fanden wohl nichts Interessantes zu sehen. Mut war in dem Fall, sich über verwunderte Blicke hinwegzusetzen.

Tagebuch: Vergangenes transformieren


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Tagebuchseiten zerschnipselt, Papierstreifen fein säuberlich gerollt und zu einem Herz geklebt. Vergangenes neu gestaltet, in neue federleichte Form gebracht. Ich finde es sehr spannend, wie viel Stabilität Papier bekommt, wenn es zum  Beispiel gerollt wird. Die Form von etwas macht so viel Unterschied für die Qualität. Das ließe sich auch auf unser Leben übertragen. Die Form unserer Gedanken etwa macht sehr viel Unterschied für unsere Lebensqualität.

Mutfaktor: mittel. In dem Fall eher als Überwindung zu bezeichnen. Ich schreibe seit meinem 12. Lebensjahr ohne Unterbrechung Tagebuch. Sie sind wertvolle Schätze für mich. Eines zu zerschneiden, war keine leichte Entscheidung. Ich habe es getan, weil ich ein Kapitel meines Lebens transformieren wollte. Es schien mir hilfreich, es nicht mehr Blau auf Weiß in meinem Tagebuch stehen zu haben.

Irgendwas ist immer


Irgendwas ist immer. Dieser Spruch zählt zu meinen Lieblingssprüchen. Er rettet mich immer wieder, wenn ich allzu sehr hadere, dass wieder einmal nicht alles glatt läuft im Leben. Der Geschirrspüler ist kaputt, ein Auftrag geplatzt, eine Freundin sauer etc. Möglichkeiten für „irgendwas“ gibt es viele. Die Kunst besteht in meinen Augen darin, diese Irgendwas-Situationen zu akzeptieren und eine günstige Perspektive zu entwickeln. Und zu wissen, sie werden vergehen, so wie neue kommen werden.
Genauso geht es darum, sich in diese „negativen“ Irgendwas-Situationen nicht festzubeißen, sondern auch zu sehen, dass immer auch positive „Irgendwas-Situationen“ gibt. Ein Kind, das einen anstrahlt. Die Hose, die plötzlich wieder passt. Der Tee, der einem ans Bett serviert wird etc.
Irgendwas ist immer positiv. Oder: Irgendwas ist immer negativ. Wie fühlen sich diese beiden Sätze an? Eben. Sehr verschieden. Das hab ich versucht, in den beiden Sessellehnenhüllen für das Höfefest Klosterneuburg auszudrücken. Einmal ist irgendwas weich, hell, fröhlich, kuschelig. Einmal dunkel, kratzig und hart, mit aufgenähten Muscheln und eingefüllten Steinen. Wir können wählen, auf welchen Stuhl wir uns setzen.

Mutfaktor: eher gering. Das Risiko ist in dem Fall eher, dass die Aussage nicht gleich verstanden wird.  Aber da lässt sich ja etwas nachhelfen. Und darüber hinaus wissen wir ja: irgendwas ist immer 🙂

Vom Mut des Nicht-Wissens


Ich hab den Tod gesehen.

Und hab meinen Vater gesehen.

Ich hab seine Augen gesehen.

Und hab die Wahrheit gesehen.

Ich hab seine Zerrissenheit gesehen.

Im Leben.

Im Tod.

Da ist er endlich ganz.

(In memoriam: Hans Langheiter)

Mutfaktor: sehr hoch.  Das sind sehr persönliche Zeilen. Damit an die Öffentlichkeit zu gehen, erfordert immer Mut. Besonders dann, wenn man nicht weiß, ob sie einen nur selbst berühren. Es war nicht meine bewusste Absicht, mit diesen Zeilen meine Schreibkunst zu präsentieren. Ich hatte keine andere Wahl, sie sind hier mit einem mutigen Satz ganz alleine hereingesprungen.  Vielleicht wollen sie auch nur eine kurze Weile bleiben. Schaut wieder vorbei, vielleicht sind dann andere Sätze hereingehüpft.
Ich glaube jedenfalls, dass zum Künstlerinnensein auch gehört, Dinge zu tun, von denen man noch (!) nicht weiß, wofür sie gut sind. Also stehen diese Zeilen mal hier.